{"id":186,"date":"2011-09-09T21:35:09","date_gmt":"2011-09-09T21:35:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nageebgardizi.com\/website\/?page_id=186"},"modified":"2014-01-25T11:21:31","modified_gmt":"2014-01-25T11:21:31","slug":"sergej-prokofjew-1891-1953","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.nageebgardizi.com\/website\/?page_id=186","title":{"rendered":"Sergej Prokofjew (1891-1953)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der junge Prokofjew und das Konservatorium<\/strong><\/p>\n<p>Sergej Prokofjew ist einer der gro\u00dfen Komponisten der russischen Musikgeschichte.<\/p>\n<p>Ausgestattet mit einem enormen Selbstbewusstsein und viel geistiger wie auch k\u00f6rperlicher Agilit\u00e4t, brachte der junge Prokofjew schon als Kompositions- und Klavierstudent seine Lehrer am St. Petersburger Konservatorium auseinander. In einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs trat er nun an, ein gro\u00dfer Komponist zu werden. Seine Konservatoriumsjahre (1904-14) sollten sich f\u00fcr seine sp\u00e4tere Musikauffassung und sein musikalisches Weltbild als entscheidend auswirken. In diesen 10 Jahren experimentierte er vor allem mit dem Klavier. Als exzellenter Interpret seiner eigenen Klavierwerke nahm er sp\u00e4ter die klanglichen Erfahrungen in sein fr\u00fches Schaffen wahr und setzte sich ebenso f\u00fcr die damalige musikalische Avantgarde (Sch\u00f6nberg, Berg, Skrjabin) ein.<\/p>\n<p>Opus 1, seine erste ver\u00f6ffentlichte Klaviersonate aus dem Jahre 1909, scheint noch etwas dem Gestus und der Gef\u00fchlswelt der Sp\u00e4tromantik des 19. Jahrhunderts beizupflichten. Prokofjew selbst urteilte \u00fcber seine \u201eromantische Phase&#8220; als \u201eKlavierliedchen&#8220;, die er bis dahin in einer Vielzahl komponierte, abschloss. Abgesehen von der 1-S\u00e4tzigkeit der Sonate, gehorcht sie \u00fcberwiegend dem \u00fcblichen formalen Aufbau eines typischen Sonatenallegros, in dem die immanenten Konfliktstrukturen im Verlauf der Komposition sich zusehends ineinander zu verschr\u00e4nken beginnen, so dass sie nicht mehr als echter Gegensatz zueinander erscheinen, sondern sich auf wunderbar harmonisch-melodi\u00f6se Weise erg\u00e4nzen<\/p>\n<p>Es ist sein op. 2, das die zweite und wohl markanteste Phase seines musikalischen Schaffens einleitet. Die 4 Klavieret\u00fcden aus dem gleichen Jahr sind in ihrer Grundhaltung von erheblich rebellischer und teilweise aggressiver Natur. Dem Hervorbringen \u201emachtvoller Empfindungen&#8220;, wie Prokofjew seine erste kompositorische Phase selbst benennt, kommt schon die erste Et\u00fcde in ihrer von Kraft und Energie strotzenden Haltung am n\u00e4chsten. Die zweite Et\u00fcde bietet den ruhigen und elegischen Kontrast, in dem er auf sehr raffinierte Weise den metrischen Konflikt beider H\u00e4nde zueinander mit einer weit ausschweifenden Daumen-Melodie kombiniert, ohne dabei auf ein gewisses russisches Pathos zu verzichten. Die dritte Et\u00fcde ist formal und motivisch gesehen die komplexeste dieser Gruppe. Hier schafft er es auf sehr eindrucksvolle Weise, aus dem d\u00fcsteren Anfangsmotiv ein sich dahin windendes Perpetuum zu erzeugen, in welchem gerade dessen Kombination mit der melodische Anfangsstruktur (wieder als Daumenmelodie) nicht zuletzt den technischen Aspekt der Ausf\u00fchrung dieser Et\u00fcde umso interessanter macht. Neben der ersten Et\u00fcde ist sie von einer eigent\u00fcmlichen Dramaturgie durchsetzt, die stilbildend auch f\u00fcr seine sp\u00e4teren Werke ist. Die letzte Et\u00fcde kombiniert einen ostinaten fast starren \u201eWalking-bass&#8220; in der linken mit einer recht k\u00fchn daherstolpernden rechten Hand, welche im Verlauf einige Kapriolen schl\u00e4gt, um in einem brillanten Schluss dieses beeindruckend fr\u00fche Opus enden zu lassen.<\/p>\n<p>Die 4 Klavierst\u00fccke, op. 4 entstanden im Jahre 1908 und wurden drei Jahre sp\u00e4ter nochmals revidiert. Diese St\u00fccke lassen bereits den von H\u00f6rern wie Pianisten gef\u00fcrchteten Diaboliker Prokofjew hervortreten. Trotz der bisweilen an Schumann und die Romantik erinnernde Titulierung (&#8222;Erinnerung&#8220;, &#8222;Aufschwung&#8220;) heben sich die letzten beiden St\u00fccke in ihrer intensiven, fast brachialen Klangnatur auf extreme Weise ab. Vor allem im letzten St\u00fcck (&#8222;Teuflische Einfl\u00fcsterung&#8220;) offenbart sich eine neue, harte, jedoch von jugendlicher Energie durchdrungene Klangsprache, das seine Zeitgenossen zurecht verst\u00f6rt haben muss.<\/p>\n<p>Dass der Komponist ebenso im lyrisch-verhaltenen Ton schreiben konnte und wollte, zeigen die 1910\/11 entstandenen &#8222;Deux Po\u00e9mes&#8220;, op. 9. In diesem Werk finden Gedichte des von Prokofjew hochgesch\u00e4tzten Dichters K. Balmont und A. Apuchtins ihre Vertonung. Mit Balmont verband ihn eine lange pers\u00f6nliche Freundschaft. Im Opus 9 befasst er sich im gro\u00dfen Format mit der menschlichen (Frauen-)Stimme. Beiden &#8222;Po\u00e9mes&#8220; haftet etwas jenseitiges und phantastisches an. Hierbei schafft es der junge Komponist auf eindrucksvolle Weise, mehr als nur eine blo\u00dfe sylabische Vertonung eines bestimmten Textes wiederzugeben: er erz\u00e4hlt dem Zuh\u00f6rer eigentlich eine neue Geschichte, die in ihrer tiefgr\u00fcndigen Gef\u00fchlswelt erahnen l\u00e4sst, von was f\u00fcr einem hohen Ma\u00df an einf\u00fchlsamen Lyrizismus dieser junge Mann erf\u00fcllt gewesen sein muss.<\/p>\n<p>Die im Jahre 1912 komponierte &#8222;Toccata&#8220;, op.11 (lat. toccare: schlagen) markiert einen ersten Meilenstein in Prokofjews Klavierschaffen. Inspiriert durch das eigene Studium der gleichnamigen &#8222;Toccata&#8220; Robert Schumanns, ist dieses knapp 5-Min\u00fctige Werk neben der &#8222;Teuflischen Einfl\u00fcsterung&#8220; aus op. 4 eine echte Feuerprobe f\u00fcr jeden Pianisten. Die Unerbittlichkeit und stellenweise primitive Rohheit und H\u00e4rte in Melodik, Harmonik und vor allem Rhythmus l\u00e4sst schon das Grauen des Ersten Weltkrieges aufkommen. Mir diesem Werk wurde Prokofjews Musik noch lange kategorisiert als der Komponist von brutaler Kakophonie, das skrupellos alle Gesetze der Schwerkraft und des Sch\u00f6nklangs missachtend, sich im Sumpf verliert. Als jungen Mann interessierte ihn die Meinung der Musikkritiker, Professoren und Freunde nur dann, wenn sie uneins waren. Insofern kann seine &#8222;Toccata&#8220; als ein erster H\u00f6hepunkt seiner Klavier-Experimente angesehen werden, die in seinen sp\u00e4teren Konzerten oft gesch\u00e4tzt wurde.<\/p>\n<p>Die Zweite Klaviersonate, op. 14 entstand im selben Jahr wie die &#8222;Toccata&#8220;, wurde jedoch erst 1914 vollendet. Im Gegensatz zu seinem op. 1 zeigt sie nunmehr eine ausgereifte, zugleich aber auch sparsamere Klangwelt des Komponisten. Form, Symmetrie und eine komprimierte Faktur gehen hier einher mit schmerzvollen Gef\u00fchlswallungen, wie etwa im langsamen Satz des insgesamt 4- S\u00e4tzigen Werkes. Wo sich die beiden Ecks\u00e4tze in einer Kombination aus jungendlichem Elan, bitters\u00fc\u00dfer Melancholie und fast giftigem Humor pr\u00e4sentieren, stellt das &#8222;Scherzo&#8220; wieder den &#8222;b\u00f6sen Jungen&#8220; heraus. Urspr\u00fcnglich als &#8218;Hausaufgabe&#8216; f\u00fcr seinen Harmonielehre-Kurs eingereicht, \u00fcberarbeitete und polierte Prokofjew dieses kleine St\u00fcck, um es dann in diese Klaviersonate als energiegeladenes und rhythmisch straffes &#8222;Scherzo&#8220; mit einzubeziehen. Dramaturgisch gesehen steht sie vor dem eigentlichen H\u00f6hepunkt dieser Sonate, dem langsamen Satz, welcher im Andenken an den fr\u00fchen Freitod seines mit ihm eng befreundeten Komilitonen Maximilian Schmithoff komponiert wurde. Hier zeigt sich nochmals Prokofjews gro\u00dfe und spezielle Affinit\u00e4t zur weitausschweifenden Melodik und Gef\u00fchlstiefe, welche er hier wiederum klangvoll erprobt. Als eines der letzten gro\u00dfen Werke seiner Konservatoriumszeit, kann die Zweite Klaviersonate als das gro\u00dfformatige Werk gesehen werden, durch die er immer mehr zu seinem eigenen Personalstil und<\/p>\n<p>seiner Klangsprache findet. Eingebettet in einer \u00fcberwiegend konservativen und \u00e4ngstlichen Gesellschaft, welche von Archaik und Mystizismus gepr\u00e4gt war, brach er in gewisser Weise schon mit seinem op. 2 mit diesen Konventionen und ging seinen eigenen Weg. Die Unersch\u00fctterlichkeit seines Willens, seine lebensbejahende Energie, sowie sein \u00e4u\u00dferst intelligenter und zugleich einf\u00fchlsamer Umgang mit der Form in der Musik lie\u00dfen ihn wachsen und rasch \u00fcber die Grenzen seiner Heimat hinaus bekannt werden.<\/p>\n<p>(Nageeb Gardizi)<\/p>\n<p><span><strong><a href=\"http:\/\/www.nageeb-gardizi.com\/prokofjew.htm\"><span style=\"color: #00ffff; font-family: Arial; font-size: small;\"><br \/>\n<\/span><\/a><\/strong><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der junge Prokofjew und das Konservatorium Sergej Prokofjew ist einer der gro\u00dfen Komponisten der russischen Musikgeschichte. Ausgestattet mit einem enormen Selbstbewusstsein und viel geistiger wie auch k\u00f6rperlicher Agilit\u00e4t, brachte der junge Prokofjew schon als Kompositions- und Klavierstudent seine Lehrer am St. Petersburger Konservatorium auseinander. In einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs trat er nun an, ein [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"parent":157,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","template":"","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"class_list":["post-186","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nageebgardizi.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/186","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nageebgardizi.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nageebgardizi.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nageebgardizi.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nageebgardizi.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=186"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nageebgardizi.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/186\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":198,"href":"https:\/\/www.nageebgardizi.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/186\/revisions\/198"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nageebgardizi.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/157"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nageebgardizi.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=186"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}