{"id":184,"date":"2011-09-09T21:26:10","date_gmt":"2011-09-09T21:26:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nageebgardizi.com\/website\/?page_id=184"},"modified":"2014-01-25T14:58:39","modified_gmt":"2014-01-25T14:58:39","slug":"die-sonate-im-rauch-der-wilden-20er","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.nageebgardizi.com\/website\/?page_id=184","title":{"rendered":"Die Sonate im Rausch der &#8222;Wilden 20er&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Sonate im Rausch der \u201eWilden 20er\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Nie standen die Gro\u00dfformen abendl\u00e4ndischer Musik so sehr im Kreuzfeuer menschlicher Gef\u00fchlswelt, wie zu Zeiten der globalen Umw\u00e4lzungen der 1920er Jahre. Die Urkatastrophe des Ende 1918 beendeten Ersten Weltkrieges, welche schon bald darauf den Zerfall eines f\u00fcr Jahrhunderte bestehenden Gesellschafts- und Menschenbildes zur Folge hatte, war musikgeschichtlich von nicht minder entscheidender Bedeutung. Bereits um 1900 begannen einige mutige und entschlossene Musiker, nahezu zeitgleich, dem alten Formideal nach und nach zu entsagen. Interessanterweise vollzog sich dieser Schritt in den Musikzentren der Alten und auch Neuen Welt in unterschiedlicher Geschwindigkeit und Intensit\u00e4t. Es herrschte aber trotzdem Einvernehmen dar\u00fcber, dass die Musik und ihre Rezeption neue Wege einschlagen m\u00fcsste, da der sp\u00e4tromantische \u00dcberbau, sp\u00e4testens seit Richard Wagner, in eine hoffnungslose Sackgasse geraten.<\/p>\n<p>Die stillen, wie auch lautstarken Protestbewegungen gegen alle starren Formen von Konservatismus, die bereits im \u201eFin de si\u00e8cle\u201c des 19. Jahrhunderts die W\u00e4nde des Kulturhauses Europa zum Erbeben brachten, sollten bald schon zum Alltag einer neuen Gesellschaft, in welcher unausgesprochene Tabus unmissverst\u00e4ndlich ausgesprochen werden konnten. Dies alles sollte zu einer schier endlosen Kette von kreativen Initialz\u00fcndungen f\u00fchren, in welcher man alles Artifizielle, Kalte und Technische als wesentlichen Bestandteil menschlichen Lebens, F\u00fchlens und Denkens anerkennt. Die Form der Sonate, die ihren architektonischen H\u00f6hepunkt mit Beethovens Klaviersonaten Anfang des 19. Jahrhunderts bereits erreicht hatte, begann, eher zu einem Zerrbild seiner selbst zu werden. Es war nun scheinbar an der Zeit, sich behutsam von diesem sich ersch\u00f6pfenden Formideal zu verabschieden. Dieses Konzert soll klingend zum Ausdruck bringen, wie sich dieser Abschied in drei verschiedenen Kontinenten der Welt vollzog.<\/p>\n<p>Als Vertreter der neuen Sowjetunion und ihres musikalischen Selbstverst\u00e4ndnisses steht Dmitri Kabalewski mit seiner 1927 komponierten Ersten Klaviersonate. In diesem Werk teilt sich dem Zuh\u00f6rer eine neue Musiksprache mit, welche ihn in eine Welt f\u00fchrt, die von Optimismus, Schaffensdrang, aber auch einem Hauch von schw\u00e4rmerischer Nostalgie beseelt ist. Der tschechische Komponist Erwin Schulhoff hingegen, welcher mit seiner in den Jahren 1929\/30 komponierten \u201eHot\u201c-Sonate vertreten ist, repr\u00e4sentiert schon allein durch den Einbezug des damals als \u201edekadent\u201c bezeichneten Saxophonklangs ein anderes Extrem dieser Zeit, n\u00e4mlich den Neigung und hohe Affinit\u00e4t jedweder k\u00fcnstlerischer Exzentrik und klanglichem Eros. Der bewusste Verzicht auf die \u00fcblichen italienischen Satzbezeichnungen, welche er hier durch n\u00fcchterne Metronomisierungen zu ersetzen sucht, deutet darauf hin, dass der Sonatentypus hier bereits eine Wandlung erlebt, um in einem neuen, exotischeren Gewand zu erscheinen. Hierbei schafft es der Komponist auf mitrei\u00dfende Art und Weise, das etwas aus der Mode gekommene Formideal der klassischen Sonate mit den aus Amerika importierten, rhythmisch reizvollen Tanzformen, wie etwa dem Foxtrot, Blues oder Swing zu verbinden.<\/p>\n<p>Das Nordamerika der &#8222;Neuen Welt&#8220; f\u00fchrte seit seiner Gr\u00fcndung im Jahre 1774 ein isolationistisches Dasein, sowohl in gesellschaftspolitischer, als auch in musikgeschichtlicher Hinsicht. Erf\u00fcllt vom &#8222;American Dream&#8220;, sah sich der Nordamerikaner in seiner Gesellschaft gewisserma\u00dfen als Teilhaber eines rasanten und vorrangig kapitalistisch motivierten Fortschrittdenkens. Ungeachtet aller Konventionen und kulturellen Wertvorstellungen der &#8222;Alten Welt&#8220;, erschuf sich die &#8222;Neue Welt&#8220; eine ebenso neue kulturelle Szene, in welcher es von Anbeginn keinen echten Tabubegriff geben sollte. F\u00fcr die Musiker und Komponisten dieser Breitengrade bedeutete dies eine naturgem\u00e4\u00dfe Andersartigkeit, eine unakademische Auffassung von musikalischer Form und Faktur. George Antheil, ein viel zu sp\u00e4t bekannt gewordener, jedoch wichtiger Komponist dieses Landes ist mit seiner 1922 komponierten &#8222;Sonatina&#8220; vertreten. Dieses recht kurze, 5-teilige Werk l\u00e4\u00dft den Zuh\u00f6rer schon durch seinen bemerkenswerten Untertitel &#8222;Death of the machines&#8220; erahnen, was ihn klanglich erwartet. Es geht hier am wenigsten noch um eine ad\u00e4quate Darbietung einer intellektuell durchdrungenen Gro\u00dfform: die &#8222;Sonatina&#8220; pr\u00e4sentiert eher das fatale Szenario einer technokratischen Welt, welche sich der menschlichen Kontrolle allm\u00e4hlich entzieht.<\/p>\n<p>Die Violinsonate Maurice Ravels entstand im Zeitraum zwischen 1923-27 und geh\u00f6rt somit zum Sp\u00e4twerk des Komponisten. Neben einer bereits 1897 entstandenen Violinsonate, ist dieses Sp\u00e4twerk in seiner heterogenen, ja bisweilen spr\u00f6den und kantigen Klangsprache eine weiteres Beispiel f\u00fcr den franz\u00f6sischen Umgang mit der Sonatenform. Die Entstehung dieses Werkes f\u00e4llt mit einem l\u00e4ngeren Amerika-Aufenthalt Ravels zusammen, in welchem er erstmals die Musik der Farbigen Einwohner des Landes h\u00f6rte. Bei seiner R\u00fcckkehr wollte er diese Eindr\u00fccke nun musikalisch verarbeiten und w\u00e4hlte hierf\u00fcr zwei Instrumente, welche er selbst als &#8222;unvereinbar&#8220; bezeichnete. Die 3-s\u00e4tzige Sonate beweist in ihrer sprunghaften und gef\u00fchlsextremen Natur den stetigen Transformationsproze\u00df der Sonate dieser Zeit. Den sehr verhaltenen und impressionistischen Kl\u00e4ngen des Kopfsatzes folgt ein magisch-d\u00fcsterer Blues: Ravels Antwort auf eine aufkommende Mode seiner Zeit. Im Finalsatz, welcher als &#8222;Perpetuum mobile&#8220; bezeichnet ist, beschw\u00f6rt der Komponist schlie\u00dflich das selbstgew\u00e4hlte Schicksal des sich bald in der Unerbittlichkeit der Maschine verlierenden Individuums.<\/p>\n<p>Die im Jahre 1926 entstandene Klaviersonate B\u00e9la Bart\u00f3ks zeigt, dass auch innerhalb einer erweiterten Tonalit\u00e4t, welche eher Klangzentren, denn tonale Verh\u00e4ltnisse bevorzugt, m\u00f6glich ist, alle musikalischen Ereignisse in ein klares, kompaktes Form- und Zeitschema zu pressen. Als geb\u00fcrtiger Ungar f\u00fchlte er sich zeitlebens der ungarischen, wie auch der restlichen osteurop\u00e4ischen Folklore verpflichtet. In dieser Sonate experimentiert er damit, die Zuh\u00f6rerfahrungen aus der komplexen Folkloremusik in ein m\u00f6glichst einheitliches Ger\u00fcst einzubauen. Die rudiment\u00e4re, beinahe schon primitive Gewalt der beiden Ecks\u00e4tze wird nur scheinbar gemildert im langsamen zweiten Satz, welcher mit seiner seltsam hypnotisch und karg anmutenden Lyrik der Sonate eine erschreckende Konsequenz verleiht. Die transparente Architektur dieses Werks scheint jedoch unausl\u00f6schlich mit einem neuen Selbstbewu\u00dftsein verkn\u00fcpft zu sein, willens, dem Zuh\u00f6rer auch diese Musik gegenw\u00e4rtig zu machen.<\/p>\n<p>(Nageeb Gardizi)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sonate im Rausch der \u201eWilden 20er\u201c Nie standen die Gro\u00dfformen abendl\u00e4ndischer Musik so sehr im Kreuzfeuer menschlicher Gef\u00fchlswelt, wie zu Zeiten der globalen Umw\u00e4lzungen der 1920er Jahre. 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