{"id":179,"date":"2011-09-09T21:11:07","date_gmt":"2011-09-09T21:11:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nageebgardizi.com\/website\/?page_id=179"},"modified":"2014-01-25T11:14:07","modified_gmt":"2014-01-25T11:14:07","slug":"alexander-skrjabin","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.nageebgardizi.com\/website\/?page_id=179","title":{"rendered":"Alexander Skrjabin"},"content":{"rendered":"<p><strong>Alexander Skrjabin \u2013 der Klangmystiker<\/strong><\/p>\n<p>Die 10 vollendeten Klaviersonaten des russischen Komponisten Alexander Skrjabin (1872 \u2013 1915) geh\u00f6ren zu den eigent\u00fcmlichsten und ehrgeizigsten Verlautbarungen an der Schwelle vom 19. Zum 20. Jahrhundert. Ausgehend und zun\u00e4chst auch musikalisch inspiriert von Salonkomponisten wie Franz Liszt und Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin, vollzog sich seine Entwicklung als Tonsetzer in erstaunlichem Ma\u00dfe im Einklang mit einer notwendigen Selbsterkenntnis, welche in der Sp\u00e4tphase seines Lebens zum haupts\u00e4chlichen Inspirationsquell wurde. In der gl\u00fccklichen Personalunion von Komponist und Pianist verstand er es wie kaum ein anderer f\u00fcr das Klavier zu schreiben. Schon in seiner ersten ver\u00f6ffentlichten Klaviersonate (op.6) aus dem Jahre 1893 zeigt er dem Zuh\u00f6rer unmissverst\u00e4ndlich, worum es ihm in seinem Schaffen geht: die Darstellung des Dualismus von \u00fcbergeordneter menschlicher Willenskraft als Keimzelle allen menschlichen Strebens und den D\u00e4monen, den schwarzen Schatten, welche ihn an seiner Entfaltung hindern wollen. Es war vor allem die Gro\u00dfform der Sonate, welche ihm den Rahmen f\u00fcr solche \u201eKlangpsychogramme\u201c lieferte. Man kann sagen, dass er mit jeder weiteren Klaviersonate psychisch und physisch in den oberen Luftraum vordringt und alles Materielle dabei in rasanter Geschwindigkeit hinter sich l\u00e4sst. Das letzte halbe Dutzend der Klaviersonaten markiert diesen Vorsto\u00df in sehr charakteristischer Weise. Kraft seiner enormen Kenntnis des Klavier und seiner offensichtlichen und auch versteckten M\u00f6glichkeiten als umfassenden Klangk\u00f6rper, erschlie\u00dft er diesen Klangraum sp\u00e4testens ab dieser Schaffensperiode und schreibt nur noch \u201escheinbare\u201c Klaviersonaten, in welchen die Form eindeutig und unweigerlich mit der Entwicklung einer einzigen motivischen Keimzelle verkn\u00fcpft ist und sie alle positive wie auch negative Energie aus ihr gewinnt.<\/p>\n<p>Skrjabins Klaviersonate Nr. 5 Fis-Dur, op. 53 aus dem Jahre 1907 markiert diesen Vorsto\u00df in sehr eindrucksvoller Weise. Sie ist zugleich die erste Sonate, in der er bestrebt ist, die vormals klassischen Tempoindikationen nunmehr als Bestandteile eines quasi \u201einszenierten\u201c Musiktheaters zu verwenden. In diesem Sinne l\u00e4sst sich behaupten, dass es sich bei den sp\u00e4ten Sonaten noch mehr um eine Art \u201eSch\u00f6pfungsgeschichte\u201c handelt, in welcher das Werden und das Vergehen allen Lebens aus der Sicht des \u201eProtagonisten\u201c dargestellt wird, welcher mit fortschreitender Zeit an der \u00dcberwindung seiner menschlichen Schw\u00e4chen durch ekstatische (Klang-)Ereignisse zu einem neuen, einem besseren Menschen wird. Der innere Kampf zwischen Gut und B\u00f6se, zwischen ekstatischer Verz\u00fcckung und apokalyptischer Vorahnung wird vor allem in den Klaviersonaten Nr. 7, op. 64 (entstanden 1911\/12), sowie Nr. 9, op. 68 (entstanden 1912\/13) deutlich. Die Titulierung beider Sonaten als \u201eWei\u00dfe Messe\u201c und \u201eSchwarze Messe\u201c, welche vom Komponisten stammt, l\u00e4sst auf seine stetige Abkapselung von seiner \u00e4u\u00dferen musikalischen Umwelt schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Sein Klaviersatz ist so weit fortgeschritten, dass bis zu vier Systeme n\u00f6tig sind, um diese neue Sinnlichkeit akkurat zu formulieren. Die physischen wie auch psychischen Anforderungen sind nunmehr auf ein \u00dcberma\u00df herangewachsen, so dass seinerzeit eigentlich nur er selbst in der Lage war, seine neuesten Klavierwerke in angemessener Weise zu interpretieren, was durch einige historische Aufnahmen eindrucksvoll dokumentiert ist. Zeitgenossen Skrjabins schrieben ver\u00e4chtlich \u00fcber ihn, er habe sich f\u00fcr immer im selbstverschuldeten \u201eKlangdickicht\u201c verloren, jedoch interessierten ihn andere Meinungen wenig. Sein zunehmendes Interesse f\u00fcr Klangmystik und den Buddhismus gingen sogar so weit, dass er eine gro\u00dfe Indien-Reise plante, welche sein fr\u00fchzeitiger Tod jedoch verhinderte.<\/p>\n<p>Skrjabins Klaviersonaten geh\u00f6ren nicht zu Unrecht zu den Meilensteinen der Klaviermusik und der abendl\u00e4ndischen Musikgeschichte \u00fcberhaupt. Der so genannten \u201eRussischen Schule\u201c entwachsen, pr\u00e4sentiert Skrjabin in jeder einzelnen Sonate \u201eseine\u201c Sicht der Sch\u00f6pfungsgeschichte, in welcher das Individuum Mensch am F\u00fcr und Wieder seines Menschseins w\u00e4chst, um schlie\u00dflich Teil eines allumfassenden Zustandes grenzenloser Verz\u00fcckung zu werden. F\u00fcr ihn war dies allein der Ausweg aus dem naturgegebenen Ungleichgewicht zwischen K\u00f6rper und Geist. Durch sein ureigenstes Instrument, mit dem er in Lebzeiten zu verwachsen schien, hat er der Klaviermusik ein \u00e4u\u00dferst lebendiges Zeugnis davon hinterlassen, was er zeitlebens von der Welt erwartete und wie nur er imstande war, sie zu lieben und zu leben.<\/p>\n<p>(Nageeb Gardizi)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alexander Skrjabin \u2013 der Klangmystiker Die 10 vollendeten Klaviersonaten des russischen Komponisten Alexander Skrjabin (1872 \u2013 1915) geh\u00f6ren zu den eigent\u00fcmlichsten und ehrgeizigsten Verlautbarungen an der Schwelle vom 19. Zum 20. Jahrhundert. 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