IX. …ex anima…

9.  „Concerto Monumentale“ – …ex anima…

Das Gefühl der freundschaftlichen Verbundenheit zwischen Menschen ist, neben dem Gefühl der Liebe, sicherlich das größte Maß menschlicher Empfindung. Freundschaften haben zumeist die besondere Eigenart, unwahrscheinliches und unausgesprochenes Wort, in frischen und unverbrauchten Pragmatismus und Tatendrang zu verwandeln. In sehr intimen Freundschaften beflügeln und befruchten beide Seiten einander sogar derart, daß man von regelrechten „Seelenverwandtschaften“ sprechen kann.

Der Komponist Sergej Prokofjew fand diesen Freund in Maximilian Schmidthof. Über das Leben und Wirken Schmidthofs ist nicht viel bekannt. Die Tatsache, daß ihn sein Freund Prokofjew mit dreien seiner wichtigsten Kompositionen bedenkt, machten diesen mysteriösen Namen schlagartig bekannt. Bekannt ist gleichwohl, daß Schmidthof  Ende April des Jahres 1913,  in den finnischen Wäldern von Terijoki – dem heute russischen Zelenogorsk – den so unverhofften Freitod beging. Prokofjew hat dieses Ereignis zeitlebens beschäftigt und geprägt. In der modernen Forschung wird oft behauptet, daß die Beziehung der beiden  jungen Männer sogar von homoerotischer Art gewesen sein muß.

Genährt wurde diese Freundschaft allerdings vornehmlich durch den geistigen Respekt zweier Individualisten voreinander. Beide waren gleichen Jahrgangs, hatten gleiche Interessen und kommunizierten auf vielfältige Art und Weise, bei Tag und Nacht. Während das Zaristische Russland seinem jähen Ende zusteuerte, philosophierten und sinnierten beide Männer über ein besseres Leben,  um daraus eigene Lebensentwürfe zu gestalten, die sie zumeist gemeinsam auslebten.  Es muß jedoch trotz allem eine platonische Liebesbeziehung gewesen sein, da das Russisch-Orthodoxe Russland solche Neigungen gewöhnlich sanktionierte, ja sogar mit dem Tode bestrafte.

Die Werke dieses Konzertprogramms sind ein spannendes Relikt dieser wahrhaft „utopischen“ Freundschaft, in welchem Prokofjew seinem „unwirklichen“ Freund posthum ein eindrucksvolles Monument setzt. Erhaltene Briefzitate und Tagebuchaufzeichnungen lassen beide Personen ebenso  zu Wort kommen. Dabei eröffnet der Schöpfer von „Peter und der Wolf“  seinem heutigen Hörer ein musikalisch nicht weniger eindrucksvolles Pandämonium ungeahnter Ausdrucksmöglichkeiten.

(Nageeb Gardizi)

 

Programm

9. „Concerto Monumentale“ – Ein Konzert für die Freundschaft

 

        Sergej Prokofjew (1891 – 1953)

 

Konstantin Balmont: „Wohl gibt’s andre Gestirne“

(1867 – 1942)

 

Zweite Sonate d-Moll, op. 14  (1912-14)

Allegro, ma non troppo

Scherzo: Allegro marcato

Andante

Vivace

 

Abschiedsbrief von Maximilian Schmidthof an Sergej Prokofjew vom 26. April 1913

„Andantino“ aus dem  Zweiten Konzert g-Moll für Klavier und Orchester, op. 16  (1913/23)

(Bearbeitung für Klavier Solo von Nageeb Gardizi)

 

Sergej Prokofjew über die erste Begegnung mit Maximilian Schmidthof

Auszug aus den Jugendmemoiren Sergej Prokofjews

Vierte Sonate c-Moll, op. 29   (1908/17)

„Aus alten Heften“

Allegro molto sostenuto

Andante assai

Allegro con brio, ma non leggiere

Nageeb Gardizi, Klavier & Rezitation

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