III. …pax celestis…

„Concerto Monumentale“ – …pax celestis…

Im Angesicht apokalyptischer Grenzerfahrungen und weitreichenden Angstzuständen unseres 21. Jahrhunderts, wird der Ruf nach innerem Frieden immer lauter.

Wenngleich die großen Umwälzungen und blutigen Revolutionen vergangener Jahrhunderte lediglich zu historisierendem Stoff verwaist sind, wirkt die „Urkatastrophe“ des Ersten Weltkriegs in seinen komplexen Irrungen und Wirrungen im Grunde bis zum heutigen Tage nach. Allein die so verheerende Schlacht von Verdun zeigt, zu welchen Grausamkeiten der Mensch der alten Kolonialmächte Europas fähig war. Nach einer Zeit einer offenbar zu friedlichen Bündnispolitik, kündigte sich der schwarze Schatten eines Vernichtungskriegs an, den die Monarchien der Alten Welt mit frenetischem Beifall empfingen, um mit ihm auf so unerwartet blutige Art und Weise unterzugehen.

Es ist die Musik genau dieser Zeiten, welche die Agonie dieser Katastrophe glanzvoll überlebt hat.

Maurice Ravel, der Schöpfer des berühmten „Boléro“, ist ein aktiver Zeitzeuge der kriegerischen Ereignisse ab 1914 gewesen. Als  Kraftfahrer der französischen Artillerie hat er die Schrecken der Schlacht von Verdun miterlebt. Als Überlebender dieses Grauens ist er mit zwei gewichtigen Werken vertreten, in welchen er seine persönlichen Erlebnisse in einer äußerst subtilen Musiksprache eindrucksvoll zur Sprache bringt.

Erste Teile der  Suite „Le Tombeau de Couperin“ hat Ravel noch kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges skizziert, welche er erst 1917 – nach seiner krankheitsbedingten Entlassung aus dem Kriegsdienst – beenden konnte. Erstaunlich an diesen 6  Tanzsätzen ist, daß er sie je einem seiner in diesem Krieg gefallenen Freunde widmet, um ihnen ein posthumes Denkmal zu setzen. Die Musik dieser Suite ist dabei unwahrscheinlich sanft, luzide und verströmt ein ungewöhnliches Gefühl von lichter Reinheit und Schönheit. Die erlebten Schreckensszenarien erscheinen hier wahrhaft verklärt zu Visionen inneren Friedens.

Das „Concerto pour la Main Gauche“ ist ursprünglich eine Auftragsarbeit des Komponisten für den einarmigen Konzertpianisten Paul Wittgenstein gewesen. Wittgenstein hatte noch vor dem Ersten Weltkrieg eine Karriere als Klaviervirtuose beginnen wollen. Jedoch wurde auch er zum Kriegsdienst eingezogen, so daß er schon im ersten Kriegsjahr für die Belange des Habsburgerreichs als Offizier kämpfte. Bereits 1914 wurde er an der Galizischen Front gefährlich verwundet, und verlor seinen rechten Arm.

Aus der Retrospektive von gut 10 Jahren nach Kriegsende, hat Ravel ein Pandämonium einer untergehenden Weltordnung erschaffen. In diesem Werk zeichnet er die klaffenden Wunden dieses Kriegstraumas in all ihren Extremen nach. Hierzu zählt interessanterweise auch der Einfluß amerikanischer Jazzmusik, welche im lakonischen Mittelteil des Konzerts deutlich hörbar wird. Gegen Ende tritt jedoch eine beeindruckende Metamorphose ein: Alle Düsternis des Anfang, aller Wahnsinn des jazzigen Mittelteils, mündet in einen Solilog der linken Hand allein. Die kriegsgeschundene Seele scheint zunächst verzweifelt in dunklen Wellen der Agonie zu treiben. Noch bevor alle Hoffnung versiegt, schwingen ihn  diese Wellen in immer kraftvollere Höhen hinauf,  in Sphären himmlischer Verklärung und ewigen Friedens.  Es ist die apollinische Klangwelt einer „Gnossienne“ Erik Saties, welche ihm das Tor zu einem neuen Bewusstsein eröffnet…

(Nageeb Gardizi)

 

Programm

„Concerto Monumentale“ – Ein Konzert für den Frieden

Maurice Ravel:                  Le Tombeau de Couperin  (1914-17)

(1875-1937)

Prélude – Fugue – Forlane – Rigaudon   – Menuet – Toccata

 

Konzert D-Dur für die Linke Hand & Orchester  (1929-31)

(Bearbeitung für Klavier Solo von Nageeb Gardizi)

 

Hermann Hesse:                „Friede“ (Oktober 1914)

(1877-1962)

Erik Satie:                       Gnossienne No. 3  (1891)

(1866-1925)

Nageeb Gardizi, Klavier

Kommentieren